Anzeichen einer Gemeindebauarchitektur
Büro Bietenhader Moroder
Ersichtlichkeit der öffentlichen Trägerschaft in den jüngsten Wohnbauten der Gemeinde Wien
16:00:00
„In der architektonischen Wahrnehmung lässt sich das gemeinschaftliche Bestreben [des öffentlichen Wohnungsbaus] nicht an einer konkreten Form oder Formensprache identifizieren, sondern verwendet immer die der Zeit angepassten architektonischen Ausdrucksweisen. Allein die Verschiebung von Flächen und Volumen von privat zu gemeinschaftlich ist ein glaubwürdiger Ausdruck des Anspruchs der architektonischen Projekte.“(1)
Im Vorwort der 2019 vom ETH Wohnforum zusammen mit Susanne Schmid und Margit Hugentobler publizierten „Geschichte des gemeinschaftlichen Wohnens. Modelle des Zusammenlebens“(2) formuliert Dietmar Eberle diese zweiteilige These, die die Grundsätze der vorherrschenden Auffassung des öffentlichen Wohnbaus offenbart: Zum einen hat öffentliche Wohnbauarchitektur weder gegenwärtig noch historisch eine spezifische architektonische Form. Sie übernimmt deshalb immer opportunistisch „die der Zeit angepasste“ Formensprache, die jenseits von ihrem Bereich konzipiert wird. Zum anderen fokussiert sich diese Wohnbauarchitektur gegenwärtig wie historisch „allein“ auf die programmatische Umverteilung von Privaträumen zu Gemeinschaftsräumen. Eberle argumentiert dabei durchaus moralisch, es komme nicht auf das Erscheinungsbild, sondern sozusagen auf die inneren Werte an.
Zunächst wird die erste Eberleʼsche These des öffentlichen Wohnbaus anhand von drei exemplarischen Wiener Wohngebäuden der letzten eineinhalb Jahrzehnte mit unterschiedlichen Eigentumsverhältnissen analysiert, während die zweite in diesem Rahmen nur gestreift werden kann. Die Auswahl ist auf Gebäude gefallen, deren Architektur als progressiv angesehen wird und die allesamt ausgezeichnet wurden.(3)
Das 2018 im Sonnenwendviertel als Quartierhaus fertiggestellte private Wohn- und Geschäftshaus mit dem Namen „Haus am Park“ von feld72 Architekten weist 29 freifinanzierte Miet- und Eigentumswohnungen auf sowie ein Tanzstudio, drei Büros, vier Gemeinschaftsräume und zwei Gemeinschaftsterrassen (Bild 1)(4). Die ersten beiden Nichtwohnnutzungen sind im klar abgezeichneten zweigeschossigen Sockel untergebracht, während sich die übrigen an der Fassade nicht ablesen lassen. Im Wohnungsbereich darüber markiert eine von der restlichen Fassade zurückgesetzte, transluzent verglaste Fuge vom Eingang bis unters Dach den Erschließungsbereich. Nicht nur diese Fuge verspringt durchgehend, sondern ebenso die verschiedenen Fenster und Balkone auf jedem Geschoss mit Ausnahme der vier übereinander gestapelten Balkone links und der beiden Loggia-Fenster rechts oben. Auch das graue Gebäudevolumen selbst nimmt dieses ständige Versetzen und Variieren der Fassadenelemente auf, in dem es zum Park hin emportreppt. An der Park-Fassade mit einer zusätzlichen Stufe und einem Rücksprung (Bild 2).
Nicht weit davon entfernt, auf der anderen Seite des Helmut-Zilk-Parks befindet sich der geförderte Wohnbau mit dem Namen „so.vie.so mitbestimmt“ von S & S architekten, der 2013 fertiggestellt wurde (Bild 3). 111 Mietwohnungen, mehrere Gemeinschaftsräume sowie ein einziges Geschäftslokal befinden sich darin. Die Mitbestimmung im Projektname beschränkt sich auf die jeweiligen Wohnungen, die Gemeinschaftsräume sowie auf die Selbstorganisation nach der Fertigstellung.(5) An den Fassaden verspringen auch hier die Fenster und kastenartigen Balkone durchgehend, diese variieren überdies ihre jeweilige Länge und markante Farbe in drei Schattierungen auf jedem Geschoss. Der rechte graue Baukörper im Vordergrund bildet den aufgebrochenen Blockrand, während der linke graue Baukörper schräg dazu in den Hofraum gestellt ist. In ihren Höhen sind sie leicht ausdifferenziert. Dazwischen befindet sich der Eingang und die Erschließung. An der langgestreckten geradlinigen Straßenfassade fehlt hingegen weitgehend eine Artikulation am Baukörper. Nur ganz hinten zum Park hin findet sich ein städtebaulicher Akzent, wo der übereck liegende Gebäudetrakt sich um zwei Geschosse erhöht (Bild 4).
Das Baugruppenprojekt am Nordbahnhof von einszueins architektur aus dem Jahr 2013 ist aus einem partizipativen Planungsprozess entstanden und weist 39 geförderte Wohneinheiten, verschiedene Gemeinschaftsräume und Gewerbeeinheiten auf (Bild 5).(7) Über dem einstöckigen, größtenteils verglasten Sockel ist eine Holzfassade, die sowohl von den Geschossbändern und Balkonen als auch von den geschosshohen Fenstern durchbrochen wird.
Direkt links am Einschnitt des Erschließungsbereichs ragt ein hölzerner Kubus über das ringsum gehende Dach empor, um die Volumetrie des quaderförmigen Baukörpers zuoberst aufzubrechen, wie dies auch bei der Seitenfassade der Fall ist (Bild 6).
Vergleicht man das private Wohn- und Geschäftshaus „Haus am Park“, den geförderten Wohnbau “so.vie.so mitbestimmt” und das gemeinschaftliche Baugruppenprojekt am Nordbahnhof, kann man feststellen, dass sie trotz ihrer sehr verschiedenen Eigentumsverhältnisse und aller qualitativen Unterschiede grundsätzlich dieselbe architektonische Formensprache der Differenzierung verfolgen. Um es salopp zu sagen: Es sieht irgendwie alles gleich aus! Anhand dieser drei Beispiele der Wiener Bautätigkeit der 2010er-Jahre lässt sich somit Eberles Hypothese bestätigen, dass sich für den öffentlichen Wohnungsbau keine spezifische architektonische Formensprache ausgebildet hat, denn die Wohnbauarchitektur verfolgt hartnäckig ein Differenz-Paradigma, ob privates Wohnhaus, geförderter Wohnbau oder partizipatives Baugruppenprojekt. Ohne darauf näher eingehen zu können muss noch festgehalten werden, dass bei allen drei Beispielen die städtebauliche Grunddisposition durch einen Masterplan vorgegeben war. Bei allen dreien wurden die leeren Baufelder mit künstlich komplexen, aufgebrochenen Blockrändern versehen. Die Differenzierung im Städtebau wurde schließlich auf einer architektonischen Ebene weitergeführt. Wie angeführt weisen diese drei Gebäude Gemeinschaftsräume und -flächen auf und es genügt festzuhalten, dass im Sinne von Eberles zweiter Hypothese eine dezidierte programmatische Besetzung von gemeinschaftlichen Flächen bei allen stattfindet.
Im nächsten Schritt werden nun zwei neue Wiener Gemeindebauten näher betrachtet und den zuvor analysierten Beispielen entgegengesetzt, nämlich der 2019 eröffnete „Barbara-Prammer-Hof“ sowie der 2021 fertiggestellte „Wildgarten-Hof“. Sie sind Beispiele der Wiederaufnahme des Gemeindebaus seit 2015. Im Jahr 2000 wurde die kommunale Bauherrschaft und der Gemeindebau eingestellt, 2004 der vorerst letzte Gemeindebau in der Rößlergasse fertiggestellt. Sie wurden durch den geförderten Wohnbau ersetzt, erstellt von gemeinnützigen Bauvereinigungen.(7)
Der von NMPB Architekten entworfene „Barbara-Prammer-Hof“ ist der erste „Gemeindebau NEU“ und weist 120 Wohnungen, einen gemeinschaftlichen Aufenthaltsbereich, einen Waschsalon, Fahrradabstellräume und eine Fahrradreparaturwerkstatt auf (Bild 7).(8) Die Fassade an der Fontanastraße ist die eigentliche Hauptfassade, da sie bezüglich der Anbindung den Auftakt bildet zu einem neuen Quartier im südlichen 10. Bezirk – sowohl zu Fuß von der nahen U-Bahn-Station als auch mit dem Fahrrad oder dem Auto. Der offizielle Eingang des „Barbara-Prammer-Hofs“ befindet sich jedoch rechts davon und ist zum Spielplatz und den dahinterliegenden Feldern hingewendet. Dieser hebt sich neben der Beschriftung architektonisch durch einen niederen, verglasten Baukörper hervor. An den beiden Außenseiten der letzten zwei Geschosse der eigentlichen Hauptfassade finden sich Loggien, die in einem Verhältnis stehen mit den zwei etwas weiter innen gelegenen, vertikalen Einschnitten, links ein Loggia-Band, rechts eine mehrgeschossige eingeschnittene Nische, die den inoffiziellen Eingang markiert. Dazwischen sind zwei Balkon-Doppelreihen, die, wie die Loggien ohne Variation, gerade übereinandergestapelt sind. Über den zwei Balkon-Doppelreihen ist der Baukörper über zwei Geschosse eingeschnitten, sodass die Fassade im oberen Bereich in drei identische, gleich hohe Volumen geteilt wird. Sowohl die architektonischen Elemente als auch die Einschnitte in den Baukörper erzeugen eine deutliche, jedoch nicht vollständig durchgezogene, etwas gedrückt wirkende Symmetrie dieser Fassade. Die Zwischenfläche wird mit einem spielerischen Muster als blockhaft erscheinende Lochfassade ausgeführt, in dem sich Hoch- und Querformat-Fenster durchgängig abwechseln. Das Muster steht dabei der zwanghaften Differenz der zuvor besprochenen Beispiele, bei der immer alles eine Ausnahme sein oder als eine Ausnahme wirken muss, entgegen.
Der symmetrische und gleichmäßige Ausdruck der Hauptfassade weicht im Hinblick auf die mehreren Baukörper des gesamten Hofs dann jedoch einer dynamischen Höhen-Ausdifferenzierung mit einer Dreier-Komposition aus dem Block an der Fontanastraße, einem niederen Baukörper im Süden und einem massigen Turm im hinteren Eck (Bild 8)
Der Gemeindebau NEU „Wildgartenhof“ mit 123 Wohnungen wurde von Gangoly & Kristiner Architekten geplant und 2021 fertiggestellt (Bild 9). Im 5. Stock sind ein Gemeinschaftsraum und eine Waschküche und im Erdgeschoss ein Geschäft untergebracht.(9) Er ist Teil eines neuen Wohngebietes mit 1.100 Wohnungen und einer absichtlichen Durchmischung von öffentlichen, gemeinnützigen und privaten Eigentumsmodellen.(10) Gegenüber den vielen punktförmigen privaten Gebäuden setzen sich der zweifach geknickte Gemeindebau-Riegel – sowie die zwei weiteren Riegel mit gemeinnützigen Eigentumsmodellen – als Großformen ab (Bild 10). In der Mitte des Riegelstücks, das am nächsten zur Wildgartenallee steht, ist ein zweigeschossiger torartiger Durchbruch mit direkt darüberliegender Hof-Beschriftung eingeschnitten, der klar die Straßenüberbauungen von Gebäuden aus dem Roten Wien wiederaufnimmt, wobei er selbst jedoch bloß einem Fußweg dient. Ein zweiter Durchbruch ist am Knick zum dahinterliegenden Riegelstück angebracht. Von Westen aus gesehen ist dieser Durchbruch in der Kehle des Knicks, wodurch er scharnierartig und dynamisch wirkt. Die Fassade dieses schlangenartigen Gebäudes ist auf allen Seiten gleich ausgeführt mit flächigem Ausdruck, Lochfenstern und frei auskragenden Balkonen, die mit zwei kreisförmigen Ausschnitten eine klare Wiedererkennbarkeit haben, die ihre vielfache gestapelte Anbringung herausstreicht. Die Balkone treten in Gruppen auf, meist als vertikale Reihen, am östlichen Ende jedoch über die Ecke verspringend.
Diese zwei neuen Gemeindebauten zeigen Ansätze zu einer Architektur, die über prägnante Großformen, freudige Wiederholung gleicher Elemente, eine erhöhte Bereitschaft zur Gleichförmigkeit inklusive einer nicht-monumentalen Symmetrie und wenige deutliche formale Bezugnahmen auf das Rotes Wien ein geändertes Selbstbewusstsein der Aufgabe Gemeindebau ausstrahlt. Beide Höfe stehen in einem größeren Neubaugebiet, von dessen sonstiger Architektur der Differenz sie sich zumindest ansatzweise abheben, obwohl auch hier die städtebauliche Grunddisposition dieser Höfe durch einen Masterplan bereits vorgegeben war. So ist beim „Barbara-Prammer-Hof“ die inhärente Dynamik der volumetrischen Dreierkomposition bereits angelegt gewesen, und beim „Wildgartenhof“ die Distinktion der gemeinnützigen Bauten als geknickte Riegel. Die nach Eberle „der Zeit angepasste Architektur“ tritt auf diesen Bauplätzen in Konkurrenz mit Versuchen eine spezifisch öffentliche Gemeindebauarchitektur zu entwickeln, die den gemeinnützigen Charakter auch in der Fassade darstellt.
Der Gemeindebau NEU hat jedoch auch Wohnbauten, die der Ersichtlichkeit der öffentlichen Trägerschaft eine gänzliche Absage erteilen und im Differenz-Paradigma verharren. Exemplarisch dafür ist der von querkraft architekten geplante und 2022 fertiggestellte „Karlheinz-Hora-Hof“, eine Erweiterung des bestehenden Gemeindebaus von 1975-1976. Die 332 Wohnungen sind auf sieben Blöcke verteilt, die auf einem bestehenden Parkhaus als gemeinsamen Sockel stehen, der nun als Gartengeschoss konzipiert ist. Darin finden sich verschiedene Gemeinschaftseinrichtungen, von Kinderspielplatz bis Streetball, Tischtennis, Radwerk, Wasserspiel, Urban Gardening, Gemeinschaftsküche und eine Waschküche (Bild 11).(11) Die Grundordnung mit der sozialen Infrastruktur im überlangen Sockel ist also der bestehenden Anlage entlehnt, genauso wie die Regelmäßigkeit der Setzung der sieben neuen Blöcke jeweils vor die bestehenden Erschließungskerne. Gegen diese entlehnte Ordnung im großen Maßstab arbeitet die Architektur der Blöcke jedoch mehrfach an: Die einzelnen Gebäude verspringen in ihrer Höhe sowie in ihren Farben. An den dramatisch auskragenden Stirnseiten zur Donau sind die Lochfassaden mit zufällig wirkenden Fensterplatzierungen- und Formaten durchsetzt. Ebenso willkürlich platziert sind die Fenster und Balkone an den zueinanderstehenden Fassaden. Letztere aus vorgefertigten Betonelementen mit leicht unterschiedlich schrägem Abschnitt öffnen sich hin zur Donau. Die große Dynamik des Herausragens wird so mit der zusätzlichen Dynamik des schrägen Schnitts aufgeladen.
In einem dritten Schritt wird die Ersichtlichkeit der öffentlichen Trägerschaft an drei konkreten Beispielen des Roten Wien durch die Thematisierung von spezifischen Gestaltungsmerkmalen ausgearbeitet, die in der Forschungsliteratur teilweise übersehen wurden, um Eberles Eingangsthese nicht nur zeitgenössisch, sondern auch historisch zu widerlegen.
Das Rote Wien hat das eigene Verhältnis zur bürgerlichen Stadt bewusst thematisiert. In dieser Seite aus einer Publikation des Roten Wien aus dem Jahr 1929 wird die eigene Vorstellung der Stadt unten dem bürgerlichen Blockrand oben, im Wortlaut „[…] der privaten Bautätigkeit aus der Zeit um 1900“(12), bildlich entgegengesetzt (Bild 12). Dabei zeigt sich, dass das Rote Wien durchaus den Anspruch hatte ihren Bauten eine klare Distinktion zu verleihen. Die neue Gemeindebau-Stadt sollte erkennbar sein jenseits der abparzellierten Eigentumsverhältnisse mit den doch relativ generischen Fassaden.

Worin besteht die intendierte Distinktion der eigenen Bautätigkeit? In der Literatur wird die Architektur des Roten Wien hauptsächlich mit damals zeitgenössischen Baustilen beschrieben: Expressionismus, Heimatstil, Historismus, Jugendstil, (Neo)Klassizismus, Reformarchitektur, Traditionalismus, etc.(13) Bei einer kursorischen Behandlung der gesamten Bautätigkeit lässt sich eine heterogene Bandbreite an Stilen ausmachen, die in der Zwischenkriegszeit geläufig waren.
Eine tiefere Auseinandersetzung mit spezifischen Bauten bringt jedoch formale Artikulationen jenseits der Stilmerkmale zum Vorschein. So zum Beispiel bei der Wohnhausanlage „Triester Straße 75–77“, geplant von Karl Adalbert Andreas Fischl-Pirkhänfeld, erstellt 1929–30 (Bild 13). Vier direkt aneinander gereihte, zweistöckige Erker stehen am abgeschrägten Eck an der Kreuzung Triester Straße/Windtenstraße, sowie nochmals über dem Eingang an der Triester Straße. Als einzelnes Element betrachtet, sind die Spitzerker nichts Außergewöhnliches in ihrer Zeit, die direkt nebeneinander gedränte Gruppierung aus vier Erkern widerspricht jedoch grundlegend den gebräuchlichen Gestaltungsregeln der bürgerlichen Bebauung. Im Gegensatz zur architektonischen Nobilitierung der Fassade durch zentral markierende oder strukturierend rahmende Erker, wird sie auf einer plumpen Weise überladen. Die Vierergruppen nehmen innerhalb der jeweiligen Fassade auch zu viel Platz ein, besonders an der abgeschrägten Ecke, wo sie fast bis auf eine Fensterreihe links und rechts die gesamte Breite ausfüllen. Damit können sie zum einen nicht als Markierungen der Mittelachsen fungieren und zum anderen diese aufgrund ihrer geraden Anzahl auch nicht besetzen. Die großflächige Aneinanderreihung führt jedoch auch nicht zu einer rhythmischen Dynamisierung im Sinne einer ondulierten Gesamtfassade, dafür sind die zweistöckigen Erker zu klar als einzelne artikuliert. Das Resultat ist eine fröhliche Darstellung von Vielheit und Gleichheit und durchaus auch eine absichtliche anti-klassische Verballhornung dieser althergebrachten Nobilitierungselemente.
Der „Bebelhof“ von Karl Ehn, 1925–26 erstellt, besetzt als zusammenhängender Gemeindebau einen ganzen Baublock (Bild 14). Im Gegensatz zu den üblichen Fassadengrößen im parzellierten Blockrand sind die Straßenfassaden sehr lang. Anstatt diese Dimension mit vertikalen Gestaltungselementen, wie Risaliten, Eingängen, Erkern, usw. zu brechen, wird sie mit einer leichten Auskragung der Geschosse noch verstärkt, wodurch die vertikale Hierarchisierung der Stockwerke der bürgerlichen Bebauung überwunden wird. Vier L-förmige Erker-Balkon-Kombinationen unterstreichen diese Stapelung und Gleichbehandlung der Geschosse. Anders als traditionelle Erker, die die Fassade über mehrere Stockwerke vertikal zusammenbinden sind sie jeweils asymmetrisch mit einem langen Balkon mit gemauerter Brüstung kombiniert, was zu einer gedehnten Horizontalität führt. Sie springen Abwechslungsweise zwischen dem ersten und zweiten Stockwerk, jedoch mit zu viel Abstand dazwischen, als dass Sie eine dynamische Bänderung herstellen würden. In ihrer geringen Anzahl von bloß vier sind sie nicht jeder Wohnung zugeteilt, sondern stellen absichtliche Gleichheit in der Fassade dar. Das regelmäßige Verspringen ist dabei vergleichbar mit der Fenstersetzung beim „Barbara-Prammer-Hof“, die eine fröhliche Gleichförmigkeit bezweckt.
Der von Heinrich Schmid und Herman Eichinger entworfene „Matteottihof“, 1926–27 erbaut, überbrückt mit einem 6-geschossigen quaderförmigen Torbau prominent die Fendigasse, die zum Gürtel führt (Bild 15). Dieser Bruch mit der bürgerlichen Bauordnung führt zu einer Vereinnahmung des Straßenraums der Fendigasse nach Nord-Osten, die so zu einem weiteren Teil des mehrkammerigen, mäandrierenden Hofes wird. Diese Höfe werden jedoch nicht ganz abgeschlossen, der Hofraum wird nämlich seinerseits zum vereinnahmten Straßenraum hin geöffnet. Diese Fotografie zeigt diese zwei Öffnungen, die die Fendigasse symmetrisch flankieren (Bild 16). Mittels eines Rücksprungs zum zweiten Geschoss hin, wird die gemeinsame Zugehörigkeit dieser Blockrandstümpfe zum Matteottihof architektonisch betont. Die Repräsentation des Gemeindebaus greift damit über die Straße hinaus ins anliegende Geviert und wird zur allseitigen Gemeindebau-Umgebung mit sowohl öffentlichen, inneren Straßen, wie gleichsam öffentlichen Höfen. Die Dichotomie von öffentlicher Straße und privatem Baugrund wird in beide Richtungen aufgelöst. Der Matteottihof stellt jedoch darüber hinaus zusammen mit den ebenfalls von Schmid und Eichinger entworfenen angrenzenden Höfen „Herweghof“ und „Julius-Popp-Hof“ ein Ensemble dar, womit der öffentliche Raum straßen- und hofübergreifend in noch weiterem Umkreis städtebaulich verbunden wird.
Gemäß Eberle verschiebt eine glaubwürdige gemeinnützige Architektur Flächen und Volumen von privat zu gemeinschaftlich. Er bezieht sich dabei auf die innere Aufteilung von Gebäuden. Die aufwändige Volumetrie dieser drei Höfe vollzieht jedoch diese Verschiebung von privat zu gemeinschaftlich außerhalb der Gebäude, auf der Ebene eines gesamten Quartiers.
Die drei Gemeindebauten zeigen exemplarisch, dass die Architektur des Roten Wiens in spezifischen Beispielen selbstbewusst eigene und neuartige Elemente einer erkennbar öffentlichen Architektur sowohl in der Fassadengestaltung als auch in der volumetrischen Disposition und der städtebaulichen Konfiguration hervorgebracht hat, mit und jenseits von den, „der Zeit angepassten Ausdrucksweisen“(14).
Abschließend lässt sich resümieren, dass der Vergleich der drei prämierten Beispiele der Wiener Bautätigkeit aus den 2010er-Jahren, des privaten Wohn- und Geschäftshauses, des geförderten Wohnbaus und des gemeinschaftlichen Baugruppenprojekts, offenbart, dass ihnen trotz der unterschiedlichen Eigentumsverhältnisse dieselbe architektonische Formensprache der Differenzierung zugrunde liegt. Eberles Eingangsthese wonach öffentliche Wohnbauarchitektur weder gegenwärtig noch historisch eine spezifische architektonische Form besitzt, lässt sich zunächst für die Gegenwart bejahen. In dieser Absage an einen architektonischen Ausdruck der verschiedenen Eigentumsverhältnisse liegt ein Grundsatz des Architekturverständnisses, welches für die post-politische Phase nach 1989 prägend war. Architektur wurde als grundsätzlich neutral angesehen. Ob die Bauherrschaft profitorientiert oder gemeinnützig ist, lässt sich daher nicht an der Architektur ablesen.
Die zwei Gebäude des Gemeindebau NEU, der „Barbara-Prammer-Hof“ und der „Wildgartenhof“, zeigen hingegen erste Ansätze einer Gemeindebauarchitektur, die als Ausdruck einer re-politisierten Phase die öffentliche Trägerschaft architektonisch ansatzweise ersichtlich machen. Ohne dabei in krude Serialität zu verfallen wird durch prägnante Großformen, freudige Wiederholungen, eine Bereitschaft zur Gleichförmigkeit und die Wiederaufnahme von Elementen aus der historischen Gemeindebauarchitektur eine Ausdrucksweise für eine öffentliche Wiener Wohnbauarchitektur gesucht. Damit lässt sich Eberles These zeitgenössisch auch verneinen, was ihren post-politischen Standpunkt entlarvt. Der Vergleich mit dem „Karlheinz-Hora-Hof“ zeigt jedoch, dass die Formensprache der Differenzierung und die damit einhergehende Neutralisierung auch in neuesten Gemeindebauten fortbesteht.
Die diskutierten Beispiele des Roten Wien zeigen hingegen wie ihre Architektur sich klar von der bürgerlichen Bauweise abgrenzt und sich als öffentliche Wohnbauarchitektur deklariert, wodurch sich Eberles These auch historisch negieren lässt. Der Fokus auf eigenständige architektonische Artikulationen eröffnet eine Re-Lektüre der Bautätigkeit des Roten Wien, die aufzeigt, wie in dieser Phase der Grundstein gelegt wurde für eine Ersichtlichkeit der öffentlichen Trägerschaft in der Architektur des Gemeindebaus.
ENDNOTEN:
1 Dietmar Eberle, Vorwort, S. 6, in: Susanne Schmid (Hg.)/Dietmar Eberle (Hg.)/Margrit Hugentobler (Hg.), Eine Geschichte des gemeinschaftlichen Wohnens. Modelle des Zusammenlebens, Birkhäuser Verlag: Basel 2019.
2 Schmid/Eberle/Hugentober 2019.
3 Das 2018 fertiggestellte Wohn- und Geschäftshaus „Haus am Park“ von feld72 Architekten wurde für den Österreichischen Staatspreis für Architektur und Nachhaltigkeit 2019 nominiert und erhielt die Schorsch-Auszeichnung 2019 der Abteilung für Architektur und Stadtgestaltung der Stadt Wien (MA 19). Siehe dazu: feld72 Architekten, Haus am Park (20.07.2026), URL: https://feld72.at/haus-am-park/. Der geförderte Wohnbau „so.vie.so mitbestimmt“ von S & S architekten von 2013 wurde ebenfalls für den Österreichischen Staatspreis für Architektur und Nachhaltigkeit nominiert, nämlich im Jahr 2014, und erhielt den Wiener Wohnbaupreis 2015. Siehe dazu: Redaktion, Wohnhausanlage „so.vie.so mitbestimmt“, in: nextroom, 11.11.2014 (20.07.2026), URL: https://www.nextroom.at/building.php?id=36750; Rathauskorrespondenz, Wiener Wohnbaupreis 2015: Gelebte Solidarität und Mitbestimmung zeichnen den großen Gewinner des „Wohnbau-Oscar“ aus, 07.05.2015 (20.07.2026), URL: https://presse.wien.gv.at/2015/05/07/wiener-wohnbaupreis-2015-gelebte-s…. Das Baugruppenprojekt am Nordbahnhof von einszueins architektur wurde schließlich mit dem Österreichischen Staatspreis für Architektur und Nachhaltigkeit 2014 ausgezeichnet. Siehe dazu: einszueins architektur, Wohnprojekt Wien, die Baugruppe am Nordbahnhof für nachhaltiges Leben in der Stadt (20.07.2026), URL: https://www.einszueins.at/project/wohnprojekt-wien/.
4 Vgl.: feld72 Architekten, Haus am Park (20.07.2026), URL: https://feld72.at/haus-am-park/.
5 Vgl.: S & S architekten, so.vie.so mitbestimmt (20.07.2026), URL: https://www.ss-plus.at/app/#/werk/1065.
6 Vgl.: einszueins architektur, Wohnprojekt Wien, die Baugruppe am Nordbahnhof für nachhaltiges Leben in der Stadt (20.07.2026), URL: https://www.einszueins.at/project/wohnprojekt-wien/.
7 Martin Putschögl, Nach der „Smart“-Wohnung die „Gemeindewohnung neu“, in: Der Standard, 18.03.2015 (20.07.2026), URL: https://www.derstandard.at/story/2000013102679/nach-der-smart-wohnung-die-gemeindewohnung-neu.
8 Wiener Wohnen, 10. Bezirk: Barbara-Prammer-Hof (20.07.2026), URL: https://www.wienerwohnen.at/etwas-mieten/wohnung-mieten/gemeindewohnung…; Redaktion, Barbara-Prammer-Hof, in: nextroom, 18.02.2020 (20.07.2026), URL: https://www.nextroom.at/building.php?id=39480.
9 Gangoly & Kristiner Architekten, Wohnbau Wildgarten Baufeld 17, Wien (20.07.2026), URL: https://www.gangoly.at/projects/wohnbau-wildgarten-baufeld-17-wien/; Wiener Wohnen, 12. Bezirk: Wildgarten-Hof (20.07.2026), URL: https://www.wienerwohnen.at/etwas-mieten/wohnung-mieten/gemeindewohnungen-NEU/alle-gemeindewohnungen-NEU/12.-bezirk-wildgarten-hof.html.
10 Vgl. Franziska Zoidl, Baugruppen: Gemeinsam bauen und im Clusterhaus wohnen, in: Der Standard, 23.01.2017 (20.07.2026), URL: https://www.derstandard.at/story/2000051215162/baugruppen-gemeinsam-bauen-und-im-clusterhaus-wohnen.
11 Querkraft architekten, HAK gemeindebau neu am handelskai (20.07.2026), URL: https://www.querkraft.at/projekte/hak-gemeindebau; Wiener Wohnen, 2. Bezirk: Karlheinz-Hora-Hof (20.07.2026), URL: https://www.wienerwohnen.at/etwas-mieten/wohnung-mieten/gemeindewohnungen-NEU/alle-gemeindewohnungen-NEU/2.-bezirk-handelskai-214-a-karlheinz-hora-hof.html.
12 Das Wohnungswesen in Österreich / red. Ludwig Neumann. Hrsg. im Auftrage der Stadt Wien von der „Gewista“ Gemeinde Wien, Städtische Ankündigungs-Unternehmung, Wien, 1929, S. 34.
13 Vgl. Hans Hautmann/Rudolf Hautmann: Die Gemeindebauten des roten Wiens, 1919–1934, Schönbrunn-Verlag: Wien 1980; Manfredo Tafuri: Vienna Rossa, La politica residenziale nella Vienna socialista 1919–1933, Electa Editore: Milano 1980; Friedrich Achleitner: Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert, Wien, 1.–12. Bezirk, Bd. 3/I, Residenz Verlag: Salzburg/Wien 1990; Friedrich Achleitner: Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert, Wien, 13.–18. Bezirk, Bd. 3/II, Residenz Verlag: Salzburg/Wien 1995; Eve Blau: The Architecture of Red Vienna, 1919–1934, MIT Press: Cambridge/MA 1999; Helmut Weihsmann: Das Rote Wien, Sozialdemokratische Architektur und Kommunalpolitik, 1919–1934, Promedia: Wien 2002; Friedrich Achleitner: Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert, Wien, 19.– 23. Bezirk, Bd. 3/III, Residenz Verlag: Salzburg/Wien 2010; Helmut Weihsmann: Das Rote Wien, Sozialdemokratische Architektur und Kommunalpolitik, 1919–1934, Promedia: Wien 2019.
14 Eberle 2019, S. 6.
Das Büro Bietenhader Moroder ist das in Wien und Zürich ansässige Büro des Schweizers Sebastian Bietenhader und des Italieners Matthias Moroder. Es befasst sich mit intentionaler Gleichheit als positive formale Eigenschaft von Architektur. Darum gruppieren sich Themenkomplexe wie Interessen für formal erkennbare öffentliche Architektur und öffentlichen Wohnungsbau; für emanzipatorische Architektur; für unkreative Entwurfsprozesse; für dumme statt smarter Architektur; für die Beziehung zwischen digitalen und analogen Zugängen zum Gleichen.
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