Große Fenster, viele Schichten

Pia Pollak, Fabian Steinberger

Ein Kommentar über das ‚sehen und gesehen werden‘ des Wohnens und darüber, was unsere Fenster leisten müssen

11:00:00

Ohne Sonnenschutz
01 Ausblick; uneingeschränkt.© Pia Pollak + Fabian Steinberger

Man stattet Fenster aus – mit Jalousien, Folien, Rollos, Vorhängen, Gardinen, Raffstores, Textilscreens, Markisen und Fensterläden – und schützt sich so vor Blicken und der Sonne.

 

 Kühl soll es im Sommer sein – also bedeckt man die Fenster mit abschirmenden Schichten. Warm soll es im Winter sein – also investiert man in eine dritte Glasschicht, sodass die Temperatur im Innenraum nicht zu stark abfällt – und wenn die Nachbarn morgens wieder von ihrem Balkon aus in die Küche spähen, wird ein neuer, etwas blickdichterer Vorhang angeschafft.

 

Was zunächst wie die Entscheidung einer Person für mehr Komfort und Privatsphäre scheint, entwickelt sich in der Masse individueller Entscheidungen zu einem prägenden Element der Fassadengestaltung. Kaum ist ein neuer Wohnbau fertiggestellt und sind die Schlüssel übergeben, lässt sich kurz darauf schon ein Zusammenspiel aus Klebefolien und Vorhängen in den Fenstern beobachten. Denn ja, man möchte einen schönen Ausblick genießen, aber dabei gesehen werden will man oft nicht.

 

Man will helle Räume mit gutem Ausblick, zugleich aber auch viel Privatsphäre und ein angenehmes Raumklima. Das Fenster soll all dies gleichzeitig ermöglichen: Es soll den Blick nach außen öffnen, ohne den Blick nach innen zuzulassen, Tageslicht hereinlassen, ohne dass die Sonne den Raum zu stark erwärmt. Je größer es wird, desto mehr Aufwand ist nötig, um das Wohlbefinden zu wahren – und doch scheint es, als wären große Fenster beliebt. Betrachtet man beispielsweise aktuelle Wohnungsinserate, so findet man vor allem helle, lichtdurchflutete Räume, deren Fenster am besten gleich raumhoch sind.

 

In einem historisch gewachsenen Verständnis sind große, verglaste Flächen mit öffentlicher Nutzung konnotiert – man denke an Geschäfte, Cafés und Büros –, während Wohngebäude meist Lochfassaden aufweisen. Wenn allerdings auch hier die Fenster nach und nach größer werden, zeigt man sich zunehmend selbst.

 

 Im öffentlichen Raum sind hinter Glasscheiben meist Dinge präsentiert, wie Waren und Plakate. Aber auch Nutzer*innen und Konsument*innen werden in den Auslagen von Geschäften, Cafés und Restaurants zur Schau gestellt – man will Einblick gewähren, um die Atmosphäre und die vermeintliche Beliebtheit des Etablissements sichtbar zu machen. Einsehbarkeit scheint also klar an Konsum geknüpft zu sein.
Doch was im öffentlichen Raum als Einladung zum Blick funktioniert, wird im privaten Raum zur Frage der Abgrenzung.

 

Gibt es eigentlich in den privaten vier Wänden jemals Momente, in denen wir uns anderen zeigen wollen? Und wollen wir immer sehen, was auf der anderen Seite unserer Fenster vor sich geht? Oder gibt es Momente, in denen wir dabei gesehen werden wollen zu sehen?

 

Verstecken wir uns und das, was wir tun, voreinander, indem wir uns hinter unseren Elementen des Sichtschutzes verbergen – oder schützen wir die Außenwelt vor unseren Blicken und unserem ständigen Beobachten? 

 

… und sind letztendlich Aus- und Einsicht nur Ansichtssache? 

Gardine (innen)
02 Ausblick; innenliegend; Gardine; Textil, weich.© Pia Pollak + Fabian Steinberger
Vorhang (innen)
03 Ausblick; innenliegend; Vorhang; Textil, weich.© Pia Pollak + Fabian Steinberger
Textilscreen (außen)
04 Ausblick; außenliegend; Screen/Rollo; Textil, hart.© Pia Pollak + Fabian Steinberger
Jalousie (außen)
05 Ausblick; außenliegend; Jalousie; Kunststoff, hart.© Pia Pollak + Fabian Steinberger
Gardine (innen)
06 Einblick; innenliegend; Gardine; Textil, weich.© Pia Pollak + Fabian Steinberger
Vorhang (innen)
07 Einblick; innenliegend; Vorhang; Textil, weich.© Pia Pollak + Fabian Steinberger
Textilscreen (innen)
08 Einblick; innenliegend; Screen/Rollo; Textil, weich.© Pia Pollak + Fabian Steinberger

Pia Pollak und Fabian Steinberger arbeiten nicht immer zusammen, sollten es aber. Derzeit sind sie nicht am gleichen Ort – irgendwann aber wieder. Er lebt in Antwerpen und versucht, Architekt zu sein; sie in der Schweiz, mit demselben Ziel.
Sie haben gemeinsam Architektur in Graz, Mailand und Trondheim studiert, 2024 beziehungsweise 2025 abgeschlossen. Sie wurden beide mit einem GAD Award für ihre Diplomarbeiten ausgezeichnet. Er liest viel, sie bindet Bücher.

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