SCREENINGREIHE: BUILDING MEMORIES
Margit Neuhold
19:00:00
SCREENING RERUN: Friday, 18/09/26, 19:00
Was ist ein Haus – materielles Objekt, sozialer Raum, Träger von Erinnerung? In den Kurzfilmen des Online-Screenings BUILDING MEMORIES erscheint das Haus nicht als statische architektonische Form, sondern als Ort der Aushandlung – zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Privatem und Öffentlichem, Erinnerung und verschiedenen Zukünften. Gebäude werden abgetragen, umgenutzt, bewohnt, archiviert und neu erzählt; sie stehen im Verband mit der Umgebung, sei es die Stadt, deren Peripherie oder der ländliche Bereich, sie tragen die Spuren politischer Systeme, familiärer Geschichten und gesellschaftlicher Veränderungen in sich.
Die ausgewählten Arbeiten von Olena Newkryta, Ana Hušman, Johannes Gierlinger wie auch die kollektive Produktion von Pille-Riin Jaik, Daniel Hüttler, Klaus Rabeder und Janina Weißengruber fragen danach, wie Vorstellungen von Eigentum, Zugehörigkeit und Zuhause entstehen und wie sie durch individuelle wie kollektive Praktiken immer wieder neu geformt werden. In welchem größeren Zusammenhang stehen Gebäude und welche Rolle, spielen die Machtstrukturen, in denen sie eingebettet sind?
Architektur wird dabei als lebendiger Prozess sichtbar, der von Aneignung, Fürsorge und Transformation geprägt ist. Was bleibt von einem Haus, wenn sich seine Bewohner*innen verändern, verschwinden oder neue Bedeutungen in seine materiellen Überreste einschreiben?
Olena Newkryta, Ruins in Reverse, 2020, 24:55 min
Pille-Riin Jaik, Daniel Hüttler, Klaus Rabeder, Janina Weißengruber, Freedom in the present past, 2024, 24:00 min
Ana Hušman, a person without a house is homeless, what is a house without a person?, 2021, 10:36 min
Johannes Gierlinger, Every Epoch Dreams the Next, 2025, 18:00 min
Olena Newkryta, Ruins in Reverse, 2020, 24:55 min
Der in der steppenhaften Landschaft der südlichen Ukraine gedrehte Filmessay Ruins in Reverse verfolgt den Transformationsprozess eines leerstehenden sowjetischen Wohnbaus. Das nach einem standardisierten sowjetischen Masterplan errichtete Gebäude wird seit Jahren von Einzelpersonen, die aus den herausgelösten Ziegelsteinen neue Architekturen schaffen, zerlegt. So zirkulieren die Spuren privater Biografien und Überreste vergangener Ideologien, die in die physischen Überreste eingeschrieben sind, in der Gemeinschaft und finden ihren Weg in neue Konstruktionen.
Ruins in Reverse thematisiert diesen Prozess der materiellen Aneignung und Wiederverwendung als eine Form der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit sowie der aktiven Gestaltung der Zukunft. Im Hinblick auf die spürbare Diskrepanz zwischen den sowjetischen Infrastrukturen, die den Alltag nach wie vor prägen, sowie den massiven politischen Umwälzungen und Privatisierungen, wirft der Film die Frage auf, wie Menschen individuell und kollektiv mit solchen Asynchronitäten umgehen, wie sie zwischen den sozialistischen und kapitalistischen Ruinen navigieren und welche Formen der Reflexion und Interaktion daraus entstehen können.
Olena Newkryta ist eine in Wien lebende Künstlerin, ursprünglich aus der Ukraine. In Filmen und multimedialen Installationen untersucht sie die materiellen, historischen, gesellschaftspolitischen und emotionalen Dimensionen des technosozialen Umfelds, in dem wir leben – wobei sie sich insbesondere mit der Einbindung menschlicher Arbeit in technologische Infrastrukturen befasst. In ihren essayistischen und experimentellen Ansätzen thematisiert die Künstlerin die Spannungen zwischen Tech-Kapitalismus und widerstandsfähigen Gesten, isolierten Individuen und vernetzten digitalen Netzwerken sowie Prozessen der Unsichtbarmachung und der Bildproduktion.
Daniel Hüttler, Pille-Riin Jaik, Klaus Rabeder, Janina Weißengruber, Freedom in the Present Past, 2024, 24:00 min
Freedom in the Present Past ist ein experimenteller, vielschichtiger und mehrdimensionaler Film, der mit verschiedenen Kameras und unter wechselnden Rollenverteilungen des Produktionsteams gedreht wurde. Jeder filmte, nahm Ton auf, führte Regie, schrieb das Drehbuch, kochte, übersetzte, fuhr, schnitt und assistierte. Gedreht an vier unterschiedlichen Orten, ist der Film eine Erkundung der zugrunde liegenden Bedingungen dafür, wer wo lebt, warum und wie. Weiters untersucht der hybride Dokumentarfilm ortsspezifische Geschichten. Er ist ein Versuch, unruhige Zeiten und die damit verbundenen Grenzen der Wahlfreiheit sowie die daraus resultierenden Wachstumsbedingungen zu dokumentieren. Es ist ein Film über vier Versionen des Eigentums; vier Geschichten, die zu schildern versuchen was es bedeutet ein Haus zu besitzen, sich darum zu kümmern, es zu erhalten und zu lieben. Die Freiheit der Vergangenheit ist nicht die Freiheit der Zukunft. Die alten Konzepte kümmern sich nicht um uns.
Daniel Hüttler, Pille-Riin Jaik, Klaus Rabeder und Janina Weißengruber haben mit Freedom in the Present Past eine erste filmische Zusammenarbeit vorgelegt. Ausgehend von ihren jeweiligen Praxen in Kunst, künstlerischer Forschung, Performance, Medien und Sound entwickeln sie in ihren unterschiedlichen Herangehensweisen eine gemeinsame filmische Sprache, in der visuelle, auditive und performative Elemente in einem Narrativ zusammenkommen und Perspektiven zu traditionellen Ideen aber auch zu Landschaft befragen.
Ana Hušman, a person without a house is homeless, what is a house without a person? 2021, 10:36 min
Ein Haus ist weit mehr als ein Gebäude: Es ist Wohnraum und zugleich Erinnerungsort und kulturelles Erbe. Ana Hušman fragt, welche Aspekte davon bewahrt, dokumentiert und vermittelt werden sollen, wenn ein privates Haus in ein Museum überführt wird. Darüber hinaus öffnet sich ein Dialog zwischen Praktiken der Berührung, der Pflege, und des Schutzes in privaten Räumen und öffentlichen Museen.
Das 1956 begonnene Gebäude des Ehepaares Nada Kareš und Vjenceslav Richter, das auch deren umfassende Kunstsammlung beherbergt, wurde privat und zugleich auch öffentlich für Veranstaltungen und als Studienzentrum genutzt. Der kroatische Architekt war zudem auch für sein Schaffen in den Bereichen Städtebau und bildender Kunst bekannt und Ana Hušman spürt in ihren (Film-)Installationen vor allem der gemeinsamen Arbeit, den Gedanken und Ideen des Paares nach, indem sie einen weiblichen Blick auf ein männlich dominiertes Feld richtet. Der präsentierte Film ist nur ein Auszug der achtteiligen filmischen Installation, die Ana Hušman ursprünglich für das Haus und die Sammlung Nada Kareš und Vjenceslav Richter entwickelte.
Den Rahmen der Installation bot in den Jahren 2021–2022 die gleichnamige Ausstellung, deren online Präsenz beides die Räume und die filmischen Installationen erfahrbar macht und ihnen Überzeitlichkeit verleiht. Das Projekt wird von einer gleichnamigen Publikation mit zahlreichen Abbildungen und Texten der beiden Kuratorinnen Ivana Meštrov und Jasna Jakšić sowie von Vjenceslav Richter begleitet.
Ana Hušmans (lebt und arbeitet in Zagreb) künstlerische Praxis zerlegt die Strukturen und Texturen filmischer Elemente mithilfe von Film, Installation, Büchern, Ton, Bild und Text. Hušman experimentiert mit den Möglichkeiten von Animation, Dokumentarfilm und fiktionalen filmischen Methoden sowie mit den Möglichkeiten der aufgezeichneten Stimme und ihrer Artikulation. Sie ist Professorin am New Media Department an der Academy of Fine Arts in Zagreb sowie Mitbegründerin von Restart, wo sie seit vielen Jahren Filmbildungsprogramme für Kinder und Jugendliche durchführt.
Johannes Gierlinger, Every Epoch Dreams the Next, 2025, 18:00 min
Ein Traum, eine Stadt, ein Junge. Ausgangspunkt für den Film Every Epoch Dreams the Next ist ein Ausschnitt aus dem Film Qyteti me i ri ne bote (Englisch: The Youngest City in the World, Xhanfise Keko, 1974) aus der kommunistischen Ära in Albanien. In einer surrealen Szene träumt ein Junge von einer modernen Stadt, in der Fortschritt und Wandel durch Konstruktionen und Versiegelung gekennzeichnet sind. Davon ausgehend umkreist der Film die historischen und aktuellen Transformationsprozesse des urbanen Raums der Stadt Tirana und reflektiert im Zusammenspiel mit Architektur die Macht der Bilder in vergangenen und gegenwärtigen Utopien. Traum wird zu einem Handlungsraum, in dem historische und soziale Einschreibungen, Transformationen und Verbindungen zwischen verschiedenen Epochen und Systemen verschmelzen. Every Epoch Dreams the Next erforscht somit, wie ein Stadtbild sich durch wechselnde Machtstrukturen verändert und wie sich diese über Gemeinwohl und Allgemeinheit hinwegsetzen und wird so zu einer Betrachtung über demokratische Entwicklungen, neue und alte Regime, Geldwäsche, Propaganda und die Zugänglichkeit des öffentlichen Raumes.
In seinem künstlerischen Schaffen beschäftigt sich der in Wien lebende Filmemacher Johannes Gierlinger mit Formen des Erinnerns und des kollektiven Gedächtnisses sowie mit Perspektiven des Widerstands. Mit dokumentarischen sowie essayistischen Methoden untersucht er in seinen Filmen und Installationen die historischen, aber auch sozialen Spuren, die verschiedene politische Systeme und Epochen hinterlassen haben, wie sie in der Gegenwart sichtbar, verwoben und erfahrbar bleiben, und wirft damit nicht zuletzt Fragen nach möglichen Zukunftsräumen auf.
Margit Neuhold lebt als Lehrende, Kuratorin und Autorin in Graz. Ihr besonderes Interesse gilt der Fotografie und den zeitbasierten Medien – mit besonderem Blick auf unterschiedliche apparative Praktiken und den damit einhergehenden sich rasant ändernden Bildkulturen. Seit 2023 lehrt sie an der Pädagogischen Hochschule Steiermark zu Bild und Medien; als Kuratorin realisierte sie zuletzt Ausstellungen mit Simon Baptist für das Museum für Geschichte und Susanne Kriemann für Camera Austria (beide Graz). Ihre Texte erschienen unter anderem in Camera Austria International, Fotogeschichte, Mousse, P.I.N.E.A.
Übersicht



