Lumen 2200
Zellweger / Böhm
22:00:00
Wer der Volksjustiz in die Hände fiel, wurde nicht erschossen, sondern gehängt – an der nächsten Straßenlaterne. „À la lanterne!“ wurde zum Schlachtruf der französischen Revolution im Jahre 1789, die sich ausgerechnet das unauffälligste Möbelstück der Stadt als Richtstätte aussuchte. Die Laterne war naheliegend: überall vorhanden, fest verankert, hoch genug – und, mehr als jedes andere Objekt im Straßenraum, Eigentum des Staates. Wer sie kaperte, kaperte dessen Autorität gleich mit.
Diese doppelte Natur hat die Straßenlaterne nie verloren. Sie leuchtet und ordnet. Der Historiker Wolfgang Schivelbusch hat gezeigt, dass die Einführung öffentlicher Beleuchtung im 18. und 19. Jahrhundert weniger der Sicherheit diente als der Verwaltung: Wo Licht ist, ist Sichtbarkeit, ist Kontrolle.
Heute steckt diese Ordnung in Normen. Die SIA-Norm 491 verlangt für Außenbeleuchtung in der Schweiz so viel wie nötig, so wenig wie möglich; die SN EN 13201 liefert die passenden Beleuchtungsklassen dazu. Jede Laterne ist, bevor sie ein Objekt ist, eine amtliche Bestimmung darüber, wie viel Licht ein Ort verdient.
Wir stellen mit 2200 Lumen diese Ordnung auf die Probe, durch Täuschung und Verfremdung: das Vertraute so zeigen, dass es fremd wird, damit man aufhört, es einfach hinzunehmen. Ähnlich einer Fata Morgana, wo Temperaturschichten in der Luft das Licht so brechen, dass ein realer Gegenstand an einem Ort erscheint, an dem er physisch nicht steht. Das Bild ist korrekt, nur der Ort ist es nicht – und genau darin liegt die Irritation: nicht im Objekt, sondern in der Lücke zwischen dem, was man sieht, und dem, was dort eigentlich gelten sollte.
Schon im Innersten der Objekte beginnt eine Unschärfe, die draußen, am falschen Ort, erst richtig zu flimmern beginnt. Aufgestellt an Orten, an denen ihre Zuständigkeit längst endet, lösen die Laternen die Bindung zwischen Licht, Ort und Verordnung, aus der sich ihre Autorität sonst speist – und genau dieses Lösen zwingt zum Hinsehen.




Wir sind Cedric Zellweger und Valentin Böhm, ein Künstlerduo aus Luzern. Seit 2024 arbeiten wir an ortsspezifischen Projekten an der Schnittstelle von Architektur, Installation, Fotografie und urbaner Forschung. Ausgehend von unseren Hintergründen in Architektur und Fotografie untersuchen wir räumliche Spannungen und urbane Transformationsprozesse. Unsere Arbeiten übersetzen konzeptionelle Recherchen in materielle Interventionen und begehbare Situationen zwischen Bild und Raum, Planung und Aneignung.
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